Leseprobe-Meerjungfrau Lucia-Die Schatzinsel

Meerjungfrau Lucia-Die Schatzinsel

1. Die Reise ins Nirgendwo
Missmutig sah die zwölfjährige Sarah aus dem Wagenfenster, als die Familie in Richtung Fähre fuhr. Das Fenster war halb offen, Sarahs langes, braunes Haar wehte ihr ins Gesicht und verdeckte ihre strahlend blauen Augen. Ein Blick zu ihrer Mutter, die auf dem Beifahrersitz saß, verriet ihr, dass auch sie unsicher war, mit dem Umzug die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Sarahs zehnjährigen Bruder Sven schien das alles nicht zu interessieren. Anscheinend war es ihm völlig egal, sein restliches Leben in der Einsamkeit zu verbringen. Der blonde Junge lehnte sich mit der Stirn ans Autofenster. Seine blauen Augen blickten gedankenversunken und verträumt ins Leere.

„Es wird dir auf der Vulkaninsel gefallen“, versprach der Vater, der Sarahs getrübte Miene im Rückspiegel bemerkte.
Sarah verschränkte protestierend die Arme und schob die Unterlippe nach vorne. „Ich bin gerne zur Schule gegangen.“
Die Mutter drehte sich um. „Du wirst sehen, ich kann euch im Heimunterricht genauso viel beibringen, wie ihr in der Schule gelernt habt.“
„Darum geht es nicht. In der Schule hatte ich Freunde. Ich hoffe sehr, dass ich wenigstens übers Internet meine Kontakte aufrechterhalten kann.“
„Tut mir leid“, bedauerte der Vater, „die Insel liegt in einem Funkloch. Es gibt dort leider weder Internet noch Telefon.“
„Na toll“, fauchte Sarah verärgert, „ich werde mein Leben in der Abgeschiedenheit verbringen und meine Freunde nie mehr wiedersehen.“
„Du hast doch noch uns und Sven“, versuchte die Mutter zu beruhigen.
Sarah stieß ihren Bruder mit dem Ellenbogen an. „Sag mal, Sven. Was sagst du eigentlich dazu?“
Sven zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Dass wir dort kein Internet haben, stört mich auch. Der Rest ist mir egal. Es ist bestimmt ein schönes Abenteuer, auf der Vulkaninsel zu leben.“
„Das war mir klar. Du warst immer ein Außenseiter, weil du ein Streber bist“, antwortete Sarah geringschätzig, „unsere Klappcomputer könnten wir genauso gut in den Müll werfen! Wozu haben wir die eigentlich mitgenommen?“
„Sarah!“, mahnte die Mutter, „benimm dich gefälligst!“
Sven grinste frech. „Ja, benimm dich, Sarah.“
Die nächsten Stunden vergangen schnell und bald kam die Familie Köhler am Flughafen an. Der Flug ging zur portugiesischen Insel Madeira. Sarah hatte die ganze Zeit kein Wort mehr gesprochen.
Danach wurden sie von einem Hubschrauber abgeholt und zur dreihundert Kilometer entfernten, unbewohnten Vulkaninsel gebracht, auf welcher der Vater als Naturforscher seinen Job für die nächsten zehn Jahre antreten sollte. Sven war vom Hubschrauberflug hoch begeistert. Sarah war so verärgert, dass sie sich nicht anmerken ließ, dass ihr der Flug insgeheim Spaß machte.
Sarah war stocksauer und befürchtete, sich auf der Insel zu langweilen. Denn sie ahnte ja noch nicht, welch großes Abenteuer sie dort erwartete.

 

 

2. Die Vulkaninsel
Silbergraue Wolken verdeckten die Sonne, das Meer tobte wild und hüllte die Insel in einen feinen Sprühnebel, der die Landung des Helikopters erschwerte. Durch das trübe Wetter wirkte alles grau und trostlos. Schließlich landeten sie in Strandnähe der Vulkaninsel, die aus einem weißen Sandstrand, Felsenlandschaft, Wäldern und einem riesigen Vulkan bestand, der majestätisch und bedrohlich zugleich im Mittelpunkt der Insel hervorragte.
Die Köhlers stiegen aus dem Hubschrauber, wo sie ein frischer Wind empfing.
„Ist das nicht fantastisch?“, schwärmte die Mutter, schloss die Augen und breitete die Arme aus.
„Nein, ist es nicht!“, entgegnete Sarah mürrisch, „es ist öde, stürmisch und neblig.“
Sie luden ihr Gepäck aus und verabschiedeten sich vom Piloten. Der Hubschrauber flog davon und war bald am Horizont nur noch als winzig kleiner Punkt zu erkennen, der mit den grauen Wolken zu verschmelzen schien.
„Das war’s mit unserer Freiheit. Nun sitzen wir hier fest“, sagte Sarah nüchtern.
Der Vater schüttelte genervt den Kopf, nahm die Koffer und ging voraus. Die Mutter und die Kinder folgten ihm zum Waldrand, wo ein marode wirkendes Holzhaus stand.
Der Vater stellte die Koffer ab und rieb sich freudig die Hände. „Das ist unser neues Zuhause“, verkündete er feierlich.
„Schlimmer hätten wir es nicht treffen können“, knurrte Sarah, worauf sie von ihrer Mutter einen giftigen Blick erhielt.
„Jetzt warte doch erst mal ab, bis wir uns alles angesehen haben, bevor du vorschnell urteilst“, redete Sven auf sie ein.
„Ich habe genug gesehen“, reagierte Sarah trotzig.
Der Vater schloss die Tür auf, dann betraten sie das Haus.
Die Inneneinrichtung schien unerwartet modern. Die gelblichen Naturholzwände schafften eine gemütliche Atmosphäre. Die Möbel passten zueinander und sahen recht neu aus. Es gab eine moderne Einbauküche, ein gemütliches Wohnzimmer, ein geräumiges Badezimmer, ein Elternschlafzimmer und zwei Kinderzimmer.
„Es wurde vor Kurzem alles renoviert“, erklärte der Vater, als der flüchtige Rundgang beendet war.
Die Mutter umarmte den Vater liebevoll. „Das ist wunderschön, Schatz.“
Sarah rollte mit den Augen, schleppte ihren Koffer in ihr Zimmer und räumte die Wäsche in den Schrank, während die Eltern und Bruder Sven ebenfalls ihre Koffer ausräumten. Aus dem Fenster sah sie in den angrenzenden Wald. Die hohen Tannen bewegten sich und noch immer pfiff der Wind heulend ums Haus.
Insgeheim musste sich Sarah eingestehen, dass der Ausblick ihres Schlafzimmers gar nicht so schlecht war. Früher blickte sie auf eine graue Hauswand und nun hatte sie die volle Pracht der Natur vor ihrem Fenster. Das änderte aber nichts daran, dass sie nun auf dieser Insel gefangen war und sie hilflos von der Außenwelt abgeschnitten waren. Würde der Versorgungshubschrauber nicht jeden Samstag kommen, müssten sie alle verhungern, so dachte sie. Das war auch ein Grund, der Sarah große Angst machte.
Nachdem sie ihre Wäsche in den Schrank geräumt hatte, sah sie sich im Haus noch einmal in Ruhe die Räume an und konnte wirklich nicht klagen, auch wenn sie es zu gerne getan hätte, nur um den Eltern zu zeigen, wie sehr sie sich auf dieser Insel eingesperrt fühlt. Im Wohnzimmer fiel ihr der glänzende, braun geflieste Fußboden, die hellgrüne Ledercouchgarnitur und der braune Marmortisch auf. Sie hörte das auf- und abschwellende Meeresrauschen und blickte durch das Fenster hinunter zum Sandstrand.
„Da bist du ja. Der Wind hat nachgelassen. Sollen wir rausgehen?“, fragte Sven, der plötzlich hinter ihr stand.
Sarah fuhr vor Schreck zusammen. „Kannst du dich nicht vorher bemerkbar machen? Du hast mich zu Tode erschreckt!“
 „Kommst du jetzt?“, bat Sven.
 „Warum nicht?!“, entgegnete Sarah schulterzuckend, „was sollte ich sonst Besseres vorhaben auf einer so öden Insel?“
Sven und Sarah liefen hinunter zum Strand und betrachteten das silbergrau schimmernde Meer. Herrlich frische Meeresluft erfüllte ihre Lungen. Über den stahlblauen Himmel schwebten immer noch dicke graue Wolken, hinter denen sich die Sonne versteckte. Doch von einem Moment auf den anderen lösten sich die Wolken auf. Der Grauschleier über der Vulkaninsel verschwand, die Wälder leuchteten prächtig grün, das Meer tiefblau und der schneeweiße Sand glitzerte wie edle Diamanten. Sarah drehte sich zum Inselinneren und erspähte die Blütenpracht des violetten Heidekrauts, der roten Hibisken und verschiedenfarbenen Oleandern.
„Das ist atemberaubend schön“, entfuhr es ihr ungewollt.
„Siehst du? Es gefällt dir also doch“, lenkte Sven sofort ein.
„Nein. Ich … trotzdem sind wir hier gefangen“, widersprach Sarah zickig.
„Mir gefällt es hier“, freute sich Sven und zeigte hoch zum mächtigen Vulkan, „da oben warten bestimmt eine Menge Abenteuer auf uns.“
Sarah kniff genervt die Augen zusammen. „Du hast zu viele Filme gesehen, mein Junge.“
„Nenn mich nicht dein Junge!“, ärgerte sich Sven, der diesen abwertenden Tonfall seiner Schwester nur zu gut kannte.
„Essen, Kinder“, rief die Mutter aus dem Haus.
Sven und Sarah kehrten zum Haus zurück. Die Mutter hatte vorgekochten Hühnchenreis mitgebracht, den sie nun zum Abendessen servierte.
„Gefällt es euch wenigstens?“, fragte der Vater vorsichtig.
„Das können wir jetzt noch nicht sagen“, antwortete Sven für sich und seine Schwester.
Als sie mit dem Essen fertig waren, setzte bereits die Dämmerung ein. Der Himmel leuchtete erst orangerot, aber schnell wurde es stockfinster, und funkelnde Sterne zierten den samtschwarzen Nachthimmel.
Alle waren von der langen, anstrengenden Reise und den neuen Eindrücken müde geworden und wollten nur noch schlafen. Kurz danach erloschen die Lichter im Hause Köhlers und Ruhe kehrte ein.


 

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