Leseprobe- Meerjungfrau Lucia- Der geheimnisvolle Nachbar

eBook Kinderbuch -Meerjungfrau Lucia
eBook Kinderbuch -Meerjungfrau Lucia

2. In der Tiefe des Vulkans
Schneeweiße filigrane Wolkengebilde zogen über den klaren, blauen Himmel. Sanft rauschte das tiefblaue Meer und schwappte über den weißen, in der Sonne glitzernden Sandstrand der Vulkaninsel. Vogelgezwitscher hallte durch den sattgrünen Tannenwald, der am hundert Meter breiten Strand angrenzte. Ein angenehm warmer Wind strich durch die Baumkronen, erzeugte ein beruhigendes Rauschen und gab einen herrlichen Tannenduft in die Umgebung ab. Oberhalb des Waldes ragte majestätisch der in der Sonne golden leuchtende Gipfel des Vulkans heraus.

Auf dem Weg durch den dichten Nadelwald liefen zwei zwölfjährige Mädchen und ein zehnjähriger Junge mit Rucksäcken bepackt.
„Wie weit ist es noch bis zum Vulkangipfel?“, fragte der blonde Sven.
Svens Schwester Sarah zog ihr Haargummi straff, das den Pferdeschwanz ihres langen, braunen Haares zusammenhielt. „Machst du Witze? Wir sind eben erst losgelaufen?! Sollen wir dich tragen?“
Sven grinste Sarah verschmitzt an. „Das wäre echt lieb von euch. Wir müssen nämlich noch den steilen Weg hinaufwandern.“
Lucia kicherte. „Ihr könnt es wohl kaum noch erwarten, in den Vulkan zu steigen?!“
„Wie recht du hast“, antwortete Sarah und freute sich richtig auf den geplanten Badespaß im wassergefüllten Krater des Vulkans, obwohl sie sich nicht so richtig vorstellen konnte, dass man in einem Vulkan baden kann.
Ihr Bruder Sven war ebenso skeptisch. „Du bist wirklich sicher, dass es völlig ungefährlich ist, im Vulkan baden zu gehen?“
Lucia warf ihre lange, blonde Mähne nach hinten über die Schulter und nickte Sven zu. „Natürlich. Vertraut mir. Ihr müsst keine Angst haben, der Vulkan wird nicht ausbrechen.“
„Das wäre echt ein großer Zufall“, stimmte Sven zu.
Lucia ging voraus einen schmalen, steilen Waldweg hinauf, Sven und Sarah folgten ihr.
„Habt ihr eure Badesachen mitgenommen?“, hakte Lucia nach.
„Selbstverständlich“, antwortete Sarah und blickte ihren Bruder fragend an.
„Ich habe meine Badehose schon an“, bemerkte der.
„Ich auch“, sagte Sarah und warf einen prüfenden Blick auf Lucias Rucksack. „Deine Meerjungfrauenflosse hast du aber nicht mitgenommen, oder?“
„Warum nicht?“, erwiderte Lucia schief grinsend.
Sven hob ungläubig die Augenbrauen. „Weil der Rucksack für diese riesige Gummiflosse viel zu klein wäre?“
Lucia lächelte. „Wer sagt, dass ich nur eine Meerjungfrauenflosse besitze?“
„Du meinst, du hast tatsächlich eine Flosse im Rucksack?“, konnte es Sven nicht glauben.
„Ja“, bestätigte Lucia, „die Stoffflosse nimmt viel weniger Platz weg als die schwere Gummiflosse.“
Sarah lachte. „Meine Güte. Du kannst echt nicht ohne. Oder?“
„Was soll ich sagen? Nein. Ich bin und bleibe eben eine Meerjungfrau“, antwortete Lucia erheitert.

Nach einem beschwerlichen Aufstieg kamen sie zur goldenen Bergkuppe. Ein schmaler Pfad schlängelte sich zum Gipfel des Vulkans empor. Die Krateröffnung war außenrum mit Gebüsch bewachsen. Der Krater war gerade einmal wenige Meter groß und mit kristallklarem Wasser gefüllt, das leicht nach Moos duftete.
Sarah stellte sich an den Rand und versuchte, zum Grund des Kraters zu blicken.„Man kann nichts erkennen. Die Wasseroberfläche spiegelt zu sehr. Ich kann nur das Spiegelbild der Wolken sehen.“
„So ist es. Wenn ihr hinuntertaucht, könnt ihr besser sehen als von hier oben“, klärte Lucia auf.
Sven zog eine blaue Tasche aus dem Gebüsch. „Ist das nicht Papas Arbeitsausrüstung?“
„Doch“, antwortete Sarah und schaute sich suchend um, „wo ist er?“
Auf einmal blubberte es auf der Wasseroberfläche des Vulkans. Sven, Sarah und Lucia wichen erschrocken zurück. Prustend tauchte Herr Köhler auf und sah die Kinder überrascht an. „Was macht ihr hier?“
Sarah stemmte vorwurfsvoll die Hände in die Hüften.„Wir dachten, du würdest hier oben arbeiten?“
Herr Köhler hielt lächelnd eine durchsichtige Dose empor, in der sich ein silbriger Metallspachtel befand. „Tu ich auch. Ich nehme gerade Gesteinsproben aus der Tiefe des Vulkankraters.“
„Interessant. Und? Wie läuft‘s?“, wollte Lucia wissen.
„Leider komme ich nicht so tief runter“, bedauerte Herr Köhler, „wenn ich so gut tauchen könnte, wie ich klettern kann, wäre das kein Problem.“
„Wie tief tauchen Sie?“, interessierte sich Lucia.
Der Naturforscher zuckte mit den Schultern. „Ich schätze etwa drei bis vier Meter?!“
Lucia streckte die Hand aus. „Geben Sie mir den Behälter, ich tauche bis auf den Grund des Kraters.“
„Das kann ich nicht zulassen“, lehnte Herr Köhler spontan ab. Es wäre nicht auszudenken, wenn der Tochter des Inselnachbarn etwas passieren würde. Zudem auch noch, in seinem Beisein?!
Doch Lucia lachte überheblich. „Das habe ich schon tausend Mal gemacht, Herr Köhler. Es sind etwa nur acht bis zehn Meter bis zum Grund. Der Krater ist wie ein Schwimmbecken.“
„Dürfen wir auch rein, Papa?“, fragte Sven mit großen, unschuldigen Augen, noch bevor der Vater sich entschieden hatte.
„Wenn es wirklich nur wie ein Schwimmbecken ist?! Meinetwegen. Kommt rein. Das Wasser ist angenehm warm“, entschied sich Herr Köhler.
Lucia nahm ein Päckchen aus ihrem Rucksack und reichte es Sven. „Kannst du das bitte aufblasen?“
Sven runzelte die Stirn. „Was ist das?“
„Ein Kissen“, erklärte Lucia, „das nutzen wir als Schwimmboje, damit ihr euch zwischendurch festhalten könnt, um euch auszuruhen. Der Kraterrand ist ein wenig weich und brüchig. Daher kostet es viel Kraft ihn wieder zu verlassen, wenn man erst einmal drin ist.“
„Danke für die Information. Das hatte ich gar nicht bedacht, als ich hier reingesprungen bin“, bemerkte Herr Köhler.
Er schwamm einige Male am Kraterrand entlang, um sich von Lucias Worten selbst zu überzeugen. Der sandige Kraterrand war tatsächlich brüchig. Herr Köhler war froh, in diesem Moment nicht alleine zu sein. Was wäre geschehen, wenn er nicht mehr rausgekommen wäre und ihn die Kräfte verlassen hätten?
Sven blies das Kissen auf und warf es ins Wasser. Erst einmal musste er sich ausruhen, da ihm vom Aufblasen schwindelig geworden war.
Danach zogen sich Sarah, Lucia und Sven aus und standen in Badesachen da.
Verblüfft sah Herr Köhler die Kinder an. „Ihr wolltet ohne Erlaubnis eurer Eltern im Vulkankrater baden gehen?“
„Keine Sorge. Ich will nicht angeben, aber wenn ich dabei bin, wird nichts passieren. Meine Eltern wissen davon und erlauben mir alles. Sie kennen mich uns wissen, ich würde kein Risiko eingehen“, versicherte Lucia und kramte eine rot schimmernde Meerjungfrauenflosse aus dem Rucksack.
Hey, die ist aber sehr schön. Die gefällt mir“, war Sarah fasziniert und konnte nicht widerstehen, den dünnen Stoff der Flosse anzufassen.
Auch Sven fasste die Meerjungfrauenflosse an. „Sie ist so glatt und weich und leuchtet so schön.“
„Danke“, sagte Lucia stolz.
„Ja, das hat was“, schloss sich Herr Köhler seinem Sohn und seiner Tochter an, „wie schwimmt es sich in so einem Ding?“
„Sehr gut“, antwortete Lucia, „man kommt besser vorwärts und kann sich überhaupt viel besser im Wasser bewegen.“
Sie setzte sich auf den Kraterrand des Vulkans, schlüpfte in die Flosse und glitt ins Wasser. Sven und Sarah sprangen jauchzend hinterher.
„Seid vorsichtig“, bat Herr Köhler besorgt.
Er überreichte Lucia die Dose für die Gesteinsproben. Kopfüber tauchte sie unter und schlug dabei mit der Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche. Sarah und Sven versuchten, ihr zu folgen und tauchten in die Tiefe. Nach vier Metern kam Sven nicht mehr weiter. Der Wasserdruck war zu groß und es kostete zu viel Kraft, dagegen anzukämpfen. Sarah kam etwa fünf Meter weit, dann musste sie ebenfalls aufgeben. Lucia tauchte etwa zehn Meter tief bis zum Grund des Vulkans.