Leseprobe- Meerjungfrau Lucia- Hai-Alarm

eBook Kinderbuch-Meerjungfrau Lucia

2. Ein guter Freund
Sanft rauschte das Meer und weit draußen auf dem türkiesfarben schimmernden Wasser bildeten sich weiße Schaumkronen. Gluckernde Wellen schwappten über den weißen, glitzernden Sandstrand und sprühten einen feinen salzigen Nebel in die Luft. Das frische kühle Salzwasser umspülte die Füße von Sarah, Lucia und Sven. Gerade hatten sich die Kinder gemütlich im warmen Sand niedergelassen und genossen die wärmende Sonne, die am strahlend blauen Himmel stand. Das Rauschen des Meeres vermischte sich mit dem Vogelgezwitscher, das hinter ihnen aus dem Wald hallte.
Sarah warf ihr langes braunes Haar zurück und legte sich mit dem Rücken in den weichen Sand. „Haben nicht die Sommerferien begonnen?“

Der zehnjährige, blonde Sven drehte sich seiner Schwester zu und stützte sich auf seine Ellenbogen, die wenige Zentimeter im Sand versanken. „Doch. Die Sommerferien haben gestern angefangen.“
Lucia drehte sich zur Seite und stemmte ihren Kopf auf die Hand. „Wird dein Freund Tom diesmal nicht seine Ferien bei uns auf den wilden Inseln verbringen?“
„Ich hatte gestern Abend mit ihm gemailt. Wir sind herzlich eingeladen, zu ihm auf die Insel Madeira zu kommen“, berichtete Sven.
 Lucias blaue Augen wurden groß. „Was? Bin ich auch eingeladen?“
Sven grinste und schob seine Sonnenbrille nach oben. „Na klar, bist du auch eingeladen. Schließlich bist du unsere Freundin.“
Lucia sah Sven durch ihre langen blonden Haarsträhnen misstrauisch an. „So? Wann wolltest du uns von der Einladung erzählen?“
Sarah setzte sich auf. „Ja! Wir haben dir die Information förmlich aus der Nase gezogen?! Warum hast du uns nicht gleich von der Einladung erzählt?“
Sven grinste breit. „Ich wollte es euch gerade jetzt erzählen!“
Sarah hob ungläubig die Augenbrauen und ließ sich wieder nach hinten in den Sand fallen. „Wir können sowieso nicht nach Madeira. Wir haben doch gar keine Ferien, weil wir von unseren Müttern heimunterrichtet werden?!“
Genau das, hatte Sven die ganze Zeit innerlich beschäftigt. Bevor er die Nachricht von Toms Einladung verkünden wollte, hätte er gerne eine Idee parat gehabt, wie sich diese Ferien verwirklichen lassen. Leider war Sarah ihm mit ihrer Frage zuvorgekommen. Außerdem war Sven nicht sicher, ob sein Freund Tom Schulze die Ferieneinladung mit seinen Eltern abgesprochen hatte. Schließlich waren die Schulzes derzeit knapp bei Kasse, weil sie auf die portugiesische Insel Madeira ausgewandert waren und mit Obst und Gemüseanbau ihren Lebensunterhalt bestreiten wollten. Damit hatten sie sich leider verkalkuliert und deshalb musste die Familie an allen Ecken und Enden sparen.
Sven erinnerte sich, wie sehr sich Tom einst über seinen Internetanschluss und den Klappcomputer gefreut hat. Sarah, Lucia und Sven hatten das damals von der Belohnung bezahlt, die sie für die überführten Verbrecher bekommen hatten. Wie sollte Toms Familie es schaffen, drei zusätzliche Personen zwei Wochen lang durchzufüttern?
„Nur weil wir keine Schule besuchen, sollen wir auf Ferien verzichten?!“, klagte Sarah, „denkt ihr nicht auch, das ist ungerecht?“
„Es ist sehr ungerecht“, schloss sich Lucia Sarahs Meinung an, „uns müssten ebenfalls Sommerferien zustehen.“
„Ja“, stimmte Sven zu, „wir müssen uns bei unseren Müttern durchsetzen.“
Sarah überlegte. „Vielleicht sind sie froh, wenn sie einmal eine Unterrichtspause machen können?“
„Sie wechseln sich täglich mit dem Heimunterricht ab. Für sie ist es nur halb so schlimm wie für uns“, bemerkte Sven.
„Was heißt schlimm? Mir macht der Heimunterricht Spaß“, widersprach Lucia.
„Mir macht der Unterricht natürlich ebenfalls Spaß“, schloss sich Sven an, „trotzdem wäre gegen ein paar Wochen Ferien nichts einzuwenden.“
„Ja, ich hätte gegen Ferien ebenfalls nichts einzuwenden“, war Sarah von der Idee begeistert.
„Ich rede mit meiner Mutter. Mehr als ablehnen, kann sie nicht“, beschloss Lucia.
Sarah spürte die heiße Sonne auf der Haut, sie legte sich näher zum Wasser und ließ sich von den kühlen Wellen umspülen. Verträumt schaute sie in den blauen Himmel und stellte sich schon vor, wie die Sommerferien auf Madeira aussehen könnten. „Wir reden auch mit unserer Mutter. Sie muss uns einfach Ferien geben.“
„Klar muss sie das“, meinte Sven und seine Miene wurde nachdenklich. „Die Touristen werden uns sehr vermissen, wenn wir eine Zeit lang weg sind.“
Damit sprach er auf das Touristenschiff an, das jeden Sonntag zu den wilden Inseln kam. Sven, Sarah und Lucia waren für die Besucher immer eine Attraktion und ein besonderes Fotomotiv, wenn sie in ihren Meerjungfrauenflossen im Atlantik herumschwammen und vor den Kameras posierten.
„Wir schreiben eine Nachricht auf unsere Webseite, damit die Touristen nicht enttäuscht sind, wenn sie uns hier nicht antreffen“, schlug Sarah vor.
„Schreibe aber nicht, wo wir hingehen. Nicht, dass wir nachher einen Touristenrummel auf Madeira auslösen“, lachte Lucia.
„Ich schreibe bestimmt nicht, wo wir unsere Ferien verbringen werden“, gab Sarah erheitert zurück.
„Wie kommt es eigentlich, dass Tom uns eingeladen hat?“, wollte Lucia wissen.
Sven war irritiert. „Was meinst du? Wir sind seine Freunde?! Was soll daran so ungewöhnlich sein?“
„Die Schulzes haben doch derzeit wenig Geld, weil die Landwirtschaft nicht den errechneten Betrag einbringt? Hat sich da was geändert?“, interessierte sich Lucia.
„Das weiß ich nicht. Er hat uns einfach eingeladen“, gestand Sven.
Sarahs Miene wurde ernst. „Ich will auf keinen Fall, dass wir der Familie finanziell zur Last fallen.“
„Ja“, schloss sich Lucia an, „sie sollten erst auf Madeira richtig Fuß fassen, sich einleben und ihre finanzielle Situation in Ordnung bringen, bevor sie Gäste einladen.“
„Ach was. Sie werden wissen, was sie tun, wenn sie uns eingeladen haben“, war Sven zuversichtlich.
„Vielleicht läuft ihr Biogemüse-Verkauf ja inzwischen besser?“, gab Sarah hinzu.
Lucia zuckte mit den Schultern. „Hoffentlich. Ich wünsche es ihnen von Herzen.“
„Ich ebenfalls“, meinte Sven, „um wieder zum Thema zurückzukommen: Was ist nun mit unseren Ferien? Sollen wir fragen?“
„Natürlich“, antworteten Lucia und Sarah fast gleichzeitig.
 „Fragt ihr zuerst eure Mutter“, forderte Lucia, „wenn es bei euch nicht klappt, kann ich es mir ersparen.“
„Falls wir tatsächlich Sommerferien bekommen, fahren wir mit dir gemeinsam zur Meloneninsel und stehen dir bei, während du deine Mutter fragst“, bot Sarah an.
Die Kinder liefen zum Haus am Waldrand und stürmten in die Küche, wo Frau Köhler, die Mutter von Sarah und Sven, gerade das Abendessen vorbereitete.
Frau Köhler wirkte überrascht. „Nanu? Ihr seid schon zu Hause? Das Essen braucht noch eine Weile.“
„Wir sind aus einem anderen Grund gekommen, Mama“, begann Sarah mit bedrückter Miene.
„Was liegt euch denn auf dem Herzen, Kinder?“, fragte die Mutter besorgt.
„Wir finden, du und Lucias Mutter, ihr gestaltet den Heimunterricht sehr gut, abwechslungsreich und interessant“, lobte Sven, damit es nachher nicht den Anschein erwecken würde, der Ferienwunsch wäre eine Beleidigung an die Lehrqualitäten der Mütter.
„Danke“, freute sich Frau Köhler über das Lob.
Sarah kniff angespannt die Lippen zusammen. „Dennoch wollten wir fragen, ob die Möglichkeit besteht …“
„Bekommen wir Ferien?“, unterbrach Sven, worauf die Mutter gar nicht so überrascht reagierte, wie es die Kinder erwartet hatten.
„Warum eigentlich nicht?“, antwortete sie gelassen.
„Wie? Du meinst, wir bekommen Sommerferien?“, hakte Sarah unsicher nach.
„Ja“, bestätigte die Mutter, „ich hatte bereits mit Frau Schmitz darüber gesprochen. Wir sind der Meinung, euch würde eine Lernpause guttun. Außerdem könnten Frau Schmitz und ich, uns endlich mal um den Nutzgarten kümmern, den wir schon lange mal zusammen anlegen wollen.“
„Hurra“, schrie Lucia, „wir bekommen Ferien.“
„Ich kann es nicht glauben“, rief Sven und hüpfte vor Freude in der Küche umher.
„Noch sind wir nicht auf Madeira“, unterbrach Sarah.
„Madeira?“, horchte die Mutter auf.
„Tom Schulze hat uns eingeladen, die Sommerferien bei ihm zu verbringen“, klärte Sven auf.
Frau Köhler runzelte die Stirn. „Ich dachte, die Schulzes hätten ein Problem mit ihrer Existenzgründung und wären arm?“
„Arm ist wohl übertrieben“, widersprach Sven, „sie verdienen nicht so viel Geld, wie sie vor ihrer Auswanderung errechnet hatten. Sie sind vielleicht knapp bei Kasse, aber arm sind sie bestimmt nicht.“
„Und wenn schon“, mischte sich Sarah ein, „wir haben unser eigenes Konto mit unseren Belohnungsgeldern. Wir werden bestimmt nicht verhungern.“
„Sie brauchen keine Angst zu haben, Frau Köhler“, beruhigte Lucia im Voraus, „wir werden unser Konto gewiss nicht plündern.“
„Ja“, pflichtete Sven bei, "wir geben nur Geld für Sachen aus, die wirklich nötig sind.“
Gespannt sahen die Kinder Frau Köhler an. Deren nachdenkliche Miene entspannte sich und auf ihrem Mund formte sich ein Lächeln. „Dann wünsche ich euch schöne Ferien auf Madeira.“
„Hurra“, schrien Lucia, Sarah und Sven gleichzeitig.
Voller Vorfreude hüpften sie in der Küche umher, bis Lucia innehielt. „Moment mal. Ich weiß gar nicht, ob meine Mutter mir überhaupt Ferien gibt und ob sie mir erlaubt, meine Ferien mit euch auf Madeira zu verbringen?!“
Svens Miene trübte sich. „Ohne dich wollen wir nicht weg. Bringen wir es hinter uns und fragen sie.“ Lucia, Sarah und Sven stürmten zur Tür.
„Moment mal“, rief die Mutter, „sagt Frau Schmitz, ich möchte mit ihr den Garten anlegen. Sagt ihr, ich werde den Hubschrauber organisieren, der euch morgen früh nach Madeira fliegen wird.“
„Prima. Danke, Mama. Das machen wir“, antwortete Sarah.
Sie eilten zum Strand, schoben das Motorboot ins Wasser und stiegen ein.
Die langsam sinkende Sonne färbte das Meer tiefblau und zauberte ein weißes Glitzern auf die Wasseroberfläche. Lucia startete das Motorboot, dann preschten sie über die peitschenden Wellen hinüber zur Meloneninsel, wo sie kurz darauf ankamen. Sie hüpften aus dem Boot und liefen zum Haus in die Küche, wo Lucias Mutter mit Vorbereitungen des Abendessens beschäftigt war.
„Hallo, Kinder“, grüßte Frau Schmitz, „ja.“
„Was, ja?“, wunderte sich Lucia.
„Ja. Ihr dürft eure Sommerferien auf Madeira verbringen“, fügte Frau Schmitz lächelnd hinzu.
Sarah war verblüfft. „Woher wussten Sie …?“
„Eure Mutter hat mich angerufen und es mir erklärt“, unterbrach Frau Schmitz.
Wieder einmal hüpften sie jubelnd und voller Vorfreude umher.
„Ich fahre euch rüber zur Vulkaninsel, dann packen wir unsere Koffer, damit wir morgen früh bereit sind, wenn der Helikopter uns abholt“, schlug Lucia vor.
Das tat sie schließlich. Sie fuhr Sarah und Sven wieder zur Vulkaninsel zurück und verabschiedete sich.
Sarah und Sven packten unverzüglich ihre Koffer. Danach aßen sie zu Abend und gingen frühzeitig zu Bett, um für den kommenden Tag fit zu sein.
Genauso war es bei Lucia. Auch sie packte ihre Koffer, aß zu Abend und ging gleich zu Bett.